Interview im Tagesanzeiger

28. April 2010 -

Hansjörg Witzig spricht Klartext: «Das Wort Grossraumbüro gehört verboten.»

Hansjörg Witzig, weshalb schneiden Grossraumbüros in Studien so schlecht ab?

Erstens einmal: Das Wort Grossraumbüro gehört verboten. Das stammt noch aus der Zeit, in der man möglichst viel Leute in einen Raum gesteckt hat, um Quadratmeter und Kosten zu sparen. Das ist eine Sünde, die teilweise immer noch passiert. Deshalb ist der Ruf so schlecht.

Wie soll man Grossraumbüros denn nennen?

Das richtige Wort ist Teambüro. Die Motivation, in einem offenen Konzept zu arbeiten, muss sein, dass man als Team zusammenarbeiten will, dass man miteinander kommunizieren und einander helfen kann. Ist diese Arbeitsform das Ziel macht es Sinn, ein offenes Raum-konzept anzugehen.

Trotzdem mögen viele keine Teambüros.

Das ist verständlich, wenn bloss m2-bezogen gedacht wird. Es gibt jedoch ein ganzes Paket von Massnahmen, um das Wohlbefinden der Menschen im Teambüro zu sichern.

Was ist denn nötig?

Der persönliche Arbeitsbereich muss erstens genügen gross sein und Bewegungsfreiheit bieten. Ausserdem braucht es eine gewisse Abschirmung, etwa im Rücken, um die Störfaktoren von hinten zu eliminieren.

Das läuft ja auf abgetrennte Einzelkammern im Teambüro hinaus.

Nein. In einem Teambüro sollte nichts höher sein als 1 Meter 50. Wenn man steht, muss man den Gesamtüberblick über den Raum haben. Nur so kann ein Wir-Gefühl entstehen. Wenn es lauter hohe mobile Wände hat, kann man genauso gut wieder Einzelbüros einrichten. Das Geheimnis besteht darin, mit Pflanzen oder Gestaltungselementen Transparenz und Privacy zu erreichen.

In unserem Grossraumbüro gibt es Inseln à 4 Arbeitsplätze, ohne Trennelemente. Ist das gut?

Wenn zwei Arbeitende vis-à-vis voneinander sitzen, sind die sich psychisch und akustisch sehr nahe. Der Störfaktor beim Telefonieren ist gross. Entweder wird mit Privacy-Panels eine optische Trennung eingerichtet oder man wählt eine alternative Anordnung der Arbeitsplätze

Was wäre die Lösung?

Besser wäre es, die Arbeitsplätze in der Côte-à-Côte-Anordnung hinzustellen, also zwei Pulte nebeneinander zu platzieren. Dabei schaut der eine Mitarbeitende in eine Richtung und der andere in die Gegenrichtung. Das ermöglicht die seitliche Kommunikation. Die richtige Anordnung der Arbeitsplätze ist ein wesentlicher Punkt, damit ein Teambüro funktioniert.

Was ist sonst wichtig?

Die Umgebungsqualität. Mitarbeitende in einem Teambüro müssen sich in separate Räume zurückziehen können. Auf 15 Personen sollte es ein bis zwei solcher Rückzugsräume geben, in denen man telefonieren oder besonders konzentriert arbeiten kann. Es muss jedoch klein sein, ansonsten entsteht sofort wieder ein Einzelbüro. Weiter braucht es Meetingpoints für kurze Sitzungen, besser noch Stehungen, sowie abgeschlossene Sitzungszimmer, damit die übrigen Mitarbeitenden nicht gestört werden. Zentrale Service Points konzentrieren die Geräte und eine Lounge mit einem Schluck Wasser bietet Erholung.

Eins der Hauptprobleme, das Telefonieren, ist damit nicht gelöst.

Mit der richtigen Anordnung der Tische, also etwa côte-à-côte, kann man jedoch viel erreichen. Zudem könnte man vermehrt mit Headsets arbeiten und sich für längere Telefonate in einen separaten Raum zurückziehen. Je mehr jemand telefonieren muss, desto mehr muss er abgeschottet werden.

Wann macht ein Teambüro keinen Sinn?

Wenn das Unternehmen aus lauter Einzelkämpfern besteht, die alle ihre Ruhe haben müssen. Bei 90 Prozent der Firmen, mit denen wir zu tun haben, kommen die Wände jedoch weg. Das offene Raumkonzept setzt sich durch. Die negativen Studien vermitteln zwar einen anderen Eindruck, aber es gibt viele, die Teambüros vorziehen. Diese fühlen sich in kleinen Büros wie in Einzelhaft und abgeschottet vom Geschehen. Stimmt das Raumkonzept, gibt es viel weniger Reklamationen.

Hat ein Wandel stattgefunden?

Ja. Das Problem ist, dass die meisten Arbeitgeber zwar etwas tun wollen, jedoch nur die eine oder andere Massnahme umsetzten. Andere sehen nur die Kosten und stellen noch mehr Arbeitsplätze ins Büro. Es wird immer noch viel falsch gemacht. In einem optimalen Teambüro kann die Gesamt-Arbeitsleistung sogar gesteigert werden.

hansjoerg.witzig@witzig.ch

Leiter Büroplanung und Büroarchitektur bei Witzig The Office Company

 

Link zum Tagesanzeiger:

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/karriere/In-kleinen-Bueros-fuehlen-sich-viele-wie-in -Einzelhaft/story/26640122

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