Freiheit nie der Sicherheit opfern

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Wir scheitern im Grossen und Kleinen an der Veränderungsdynamik unserer Zeit. Ein Hoch aufs Improvisieren als Überlebensstrategie in der komplexen VUCA Welt in der nichts so verlässlich ist wie die flüchtige, mehrdeutige Unsicherheit

Mut und Wille zur Veränderung

Fest steht, aktuell haben wir es noch nicht geschafft, uns an die sich rasant verändernden Rahmenbedingungen der sogenannten VUCA-Welt anzupassen. (VUCA= Kurzwort, das sich aus den Anfangsbuchstaben der Worte Volatilität=Flüchtigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz=Mehrdeutigkeit zusammensetzt). Wir scheitern im Grossen und Kleinen an der Veränderungsdynamik unserer Zeit. Und das nicht wegen mangelnder Intelligenz oder unterlassenen Versuchen, sondern weil wir nicht wirklich gelernt haben, mit Wandel und Veränderungen umzugehen. Man will Herr oder Frau der Lage und handlungsfähig bleiben. Häufig ist dabei folgendes, zweifelhaftes Verhalten zu beobachten:

Die Komplexität der Situation wird nicht akzeptiert und man versucht sie durch Vereinfachung und Reduzierung in den Griff zu bekommen. Dabei wird mehr vom Gleichen (leider oft gleichbedeutend mit dem Falschen) installiert. Ein einfaches Erhöhen der Anstrengungen genügt aber bei Krisen nicht – weder im persönlichen noch im unternehmerischen Bereich.

"Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann" (Antonio Gramsci, italienischer Schriftsteller und Philosoph)

Es gibt bestimmte Situationsbedingungen, aber der Ausgang ist bei Krisen immer offen. In einer solchen Situation bestimmte Ziele zu setzen, schwächt. Denn man ist auf ein Ergebnis fokussiert, das im Ungewissen liegt. Nicht, dass man zwangsläufig ziellos sein müsste, aber der Blick sollte weg vom Ergebnis und hin zum aktuellen Gestaltungsraum: Was kann ich nicht im Vielleicht des Morgen, sondern hier, jetzt und heute tun? Selbst wenn ich das Ergebnis (noch) nicht gewährleisten kann, ich kann Sorge dafür tragen, auf welchen Wegen ein Vorwärts möglich ist.

Plan B oder auch mal gar kein Plan

Den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Lebens begegnen wir nicht selten mit dem Versuch, perfekte Pläne zu schmieden. Sobald dann der Superplan auf die Realität trifft, passiert das, was man gemeinhin Leben nennt. Und wir stellen fest, dass dieses - leider oder auch gottseidank - nicht nach dem Einkaufszettel-Schema "nachdenken, aufschreiben, umsetzen, glücklich werden" funktioniert. Getrieben und befeuert wird "DER perfekte Plan" dadurch, dass wir Menschen meist bestrebt sind alles richtig zu machen: Diätpläne, Case-Studies, Szenarien und SWOT-Analysen - alles nur eine kleine Auswahl dessen, was sich fürs Plänemachen eignet und ebenso viele Arten, sie Gestalt annehmen zu lassen. Egal womit sich die Pläne befassen, mehr oder weniger folgen sie alle dem gleichen Ziel: Wir sollen möglichst klare Handlungsanweisungen erhalten und daran glauben, dass wir das Kommando und alles unter Kontrolle haben. Ziele und Pläne können blind machen. Was in Krisen und überhaupt guttut, sind Wahlmöglichkeiten bzw. unser geschärfter Optionen-Blick.

Ein wenig bekanntes Beispiel für fehlenden Möglichkeitssinn ist der Luftfahrtsingenieur Ludwig Wittgenstein (1889-1951), der es im Jahr 1950 für absolut nicht machbar erklärte, dass Menschen zum Mond fliegen können. Die Nasa demonstrierte keine 20 Jahre später das Gegenteil. Der Unternehmer Elon Musk, Erfinder unter anderen des Erfolgselektroautos Tesla, hat schon mehrere Branchen revolutioniert und gab dabei öfters zu, dass ihm bestimmte Dinge nur gelungen seien, weil er vom Grundsatz her nichts oder nur wenig darüber wusste und anstelle erst gross zu planen, einfach mal gemacht hätte.

Das Leben ausschliesslich als planbar zu begreifen ist nicht nur illusorisch, sondern schlicht langweilig. Denn auch Erfolg bleibt so stets auf das Erreichen eines gesteckten Ziels oder eines geplanten Solls beschränkt. Jede Überraschung und alles Unverhoffte wird nicht zur Chance, sondern zum Scheitern.

Das hier soll keinesfalls eine Empfehlung sein, künftig auf sämtliches Pläneschmieden zu verzichten. Denn auch das kann sinnvoll sein und glücklich machen. Allerdings sollte man sich nicht zu 100% daran festklammern, sondern sie zur rechten Zeit auch wieder loslassen. Wenn sich etwas Neues, Anderes und vielleicht Besseres ergibt.

Unkonventionell, aber nicht originell - Improvisation schlägt Plan

Neben den beiden Tatsachen, dass wir selbstüberschätzt zum einen alle Probleme für grundsätzlich lösbar halten und zum anderen dazu neigen alles vergangene tendenziell positiver zu bewerten als es tatsächlich war, gibt es einen weiteren Grund, der unsere perfekten Pläne nicht aufgehen lässt und zwar den Zufall. Unter Zufall versteht man Umstände, auf die wir nicht den geringsten Einfluss haben. Den sogenannten Blitz aus heiterem Himmel.

Wir müssen ein(sehen): Wer trotz aller schlummernden Zufalls- und Komplexitätsbomben versucht, seinen vermeintlich 100-prozentigen Plan durchzuziehen, wird scheitern. Bleiben Sie also flexibel im Organisieren und Planen, denn das macht resistenter gegen Misserfolge und Unvorhergesehenes. Je grösser ein Projekt oder Vorhaben, mit umso mehr Unwägbarkeiten (z.B. unzuverlässige Mitarbeiter, unklare Zeitabläufe) ist zu rechnen und desto mehr sollte man sich auch mal aufs Improvisieren einlassen. Der Psychologe Gerd Gigerenzer rät in seinem Buch "Bauchentscheidungen" dazu, sich auf die Intuition zu verlassen, wenn man über Dinge nachdenkt, über die wenig Informationen vorliegen und die daher schwer einzuschätzen sind. Denn so Gigerenzer "liegen zwischen Bauchentscheidungen und rationalem Vorgehen oft  keinerlei Widersprüche."

Niemand kann versprechen, dass alles so klappt wie man es hofft oder mit den Worten von Dr. Ankowitschs kleinem Seelenklempner ausgedrückt: "Wo gelebt wird, sammeln sich auch jede Menge halbfertige, zurechtdilettierte und scheinvollendete Projekte an. Sie beweisen nur, dass mit uns alles in Ordnung ist.“